
Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: In Weihnachtsstimmung zu kommen in den regnerischen Anden, wo kaum Weihnachten gefeiert wird, und wenn doch, dann eher einem Karnevallsumzug anmutend, fernab von deutschem Christkindlmarkt, Ofen und Familie, das ist schon eine Herausforderung für sich. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Nein, ich habe alles in meiner Kraft stehende getan, um zu weihnachten. Ich habe Weihnachtslieder rauf und runter laufen lassen, sowohl die amerikanischen, als auch die jahrhundertalten. Jenny und ich haben uns einen Adventskalender gebastelt, mit der Machete sind wir auf die Suche nach Zweigen für einen Adventskranz losgezogen und sogar 6 Dollar haben wir hingeblecht für deutsche Lebkuchen. Das hat alles nicht geschadet, aber Weihnachten in Person bin ich jetzt auch nicht gerade geworden.
Dann dachte ich mir zwischenzeitlich, ich bin dem Grund, warum es nicht weihnachtet hier in Guayama, auf die Spur gekommen: Es fehlt schlicht und einfach der Schnee. Also versuchte ich es anders. Ich kniff die Augen zusammen, so, dass ich gerade noch etwas erkennen konnte, aber eben nur verschwommen. Zwischen meinem Wimpernschleier hindurch verwandelten sich Blechdächer und staubige Straßen in Schneehauben, Hunde in Rentiere und Kinder in roten Ponchos in Weihnachtsmänner. Der große Nadelbaum nah beim Hostel war feierlich geschmückt und beleuchtet. Das half tatsächlich, doch zu meiner Enttäuschung verpuffte alles, öffnete ich meine Augen. Außer der geschmückte Baum, der ist immernoch geschmückt in meinem Kopf. (Vielleicht fange ich an zu halluzinieren. Sagt mir Bescheid wenn ich zurückkomme und ein komischer Kauz geworden bin. Dann kann ich rechtzeitig damit anfangen, darüber nachzudenken ob ich ein komischer Kauz sein möchte).
Dann plötzlich erkannte ich, was mir gefehlt hatte, um zu weihnachten. Auf der stetigen Suche nach Weihnachten, ja fast schon krampfhaft, da hatte ich völlig vergessen, was Weihnachten doch auch ist. Und tadaa… mir lagen die Weihnachtsmomente zu Füßen.
In der Schule in Moreta, da unterrichte ich die erste Klasse, in der ein Mädchen ist, das nicht spricht. Es macht immer fröhlich mit, aber es redet nicht, noch nicht mal sagt es ihren Namen. Letzte Woche, bei der zigsten Wiederholung höre ich sie plötzlich aufgeregt „pig“ sagen, als sie die Bildkarte in der Hand hält. (Normalerweise hält sie immer nur die Karte, und ich sage dann das Tier für sie.) Ist das nicht Weihnachten?
Auch in Moreta hat mich am Freitag ein 10.Klässler gefragt, was ich nach dem Jahr machen möchte. „Lici, warum bist du nicht Lehrerin, du musst unbedingt mit Jugendlichen arbeiten“, sagt er mir. Für mich war das Weihnachten.
Als beim Weihnachtskino, das wir für die Klassen organisiert haben, das Mädchen neben mir meine Hand hält und sie sachte für eine halbe Ewigkeit streichelt, da atme ich leiser. Ich habe Angst, ich zerstöre Weihnachten, wenn ich atme.
Die fünfte Klasse, die mit so viel Spaß Rudolph, the red nose reindeer singt; der Regen, der im Dezember einsetzt; die Katze, die wieder schwanger ist; und die neu entdeckte halbwegs gerade (hier in den Bergen sehr besonders) Joggingroute, all das ist doch ein klein bisschen weihnachtlich.
An dieser Stelle ist mir auch bewusst geworden, zu welch einem guten Team Jenny und ich hier in Guayama gewachsen sind. Jenny, du bist Weihnachten.
Dennoch denke ich, was wäre Weihnachten ohne Kevin allein Zuhaus, ohne Lebkuchen und ohne Tannenbaum? Aber was wäre Weihnachten für mich dieses Jahr, ohne den Stern, der ein wenig heller scheint, wenn ich aus dem Fenster schaue?
In diesem Sinne: Liebe Grüße und weihnachtet schön, wo auch immer ihr gerade seid!
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