Ein Tag voller Kindheit

Veröffentlicht am 5. Dezember 2024 um 02:44

Als Kind habe ich das Zitat von Erich Kästner gelesen: „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.“

Keine Sorge, das habe ich mir jetzt nicht 10 Jahre gemerkt. In meinem Kopf befand sich aber noch „Kindheit. Hut.“ Und Google tat dann sein Übriges. In meiner Zeit hier in Ecuador, jeden Tag umgeben von so vielen Kindern, wie ich es noch nicht einmal als Kind war, ging mir „Kindheit. Hut.“ nicht mehr aus dem Kopf. Denn zum ersten Mal seit langem habe ich das warme Gefühl, ein wenig dieser Hutkrempe wieder an meiner Stirn zu spüren. Darum nehme ich euch in diesem Blogeintrag einmal mit auf einen Beispielsfreitag. Es ist also einer dieser Freitage- einer dieser Tage voller Kindheit.

 

Morgens steige ich schlaftrunken in das Auto meiner Gastmutter, mit dem wir in Windeseile die unbefestigte Straße nach Moreta entlang brettern. Am üblichen Straßenrand steigt geschwind eine Schülerin ein. Wir beide müssen kichern, weil wir so spät dran sind. Spät sein bringt irgendwie ein wenig Aufregung in den Alltag, da sind wir uns einig. Unter ihrem Arm klemmt ein großes Plüschtier- irgendwoher hat sie eine große Version des Englischmaskottchens Paddington aufgetrieben. Stolz streichelt sie seine Pfote und drückt den Gefährten fest an sich. Auch normalerweise reden wir beide nicht viel miteinander, wir werfen uns nur liebevolle Blicke zu und genießen die Morgenstimmung. Nach einem schnellen Frühstück geht es dann auch schon in die Klassen. Beim Eintreten die Freude in den Augen der Kinder zu sehen, berührt mich jedes Mal von Neuem. Wie immer stibitzen einige Kinder mein Handy, um sich die neuen Bilder in meiner Galerie anzuschauen. Ich lasse sie das immer machen, denn besonders Urlaubsbilder wecken ihre Neugier für die unbekannten Dinge und Orte. Heute finden sie ein Bild von der gestrigen Geburtstagsfeier, mit einer für hier üblichen Torte: Kuchen mit Rasierschaum-Sahne. Schnell artet das Ganze in einer Fantasie aus, bei der wir viel Spaß haben. In unseren Gedanken fahren wir ins nächste Dorf Zumbahua und kaufen  dort für 5 Dollar eine Schokotorte, die wir uns alle teilen. Den Satz „I like cake“ nehmen am Ende der Stunde auf jeden Fall alle mit.

Dann ertönt die Pausensirene. Die ganze Schule spielt Draußen. Generell kann man die Kinder hier mit nichts mehr begeistern, als mit einem Ball. Spielen heißt für sie immer gleich Fußball oder Volleyball. Über jegliche andere Spiele wären sie nur enttäuscht.

Ein Schüler bietet mir einen von seinen Pipas an. Dankend lehne ich ab, noch habe ich es nicht geschafft zur leidenschaftlichen Pipa-Snackerin zu werden. Das macht nichts, davon gibt es schon genug. Pipas sind Sonnenblumenkerne mit Schale, die entweder sauer oder salzig sind und wie Chips in kleinen Tütchen verkauft werden. Die Schale wird einfach wieder an Ort und Stelle ausgespuckt und am Ende des Tages werden die Klassenzimmer mit Pipaschalen übersäht sein- Fegearbeit vorprogrammiert. (Kurzes Pipastatement meinerseits: Die Dinger machen doch eigentlich nur Arbeit: Arbeit beim Essen und Arbeit beim Putzen. Aber irgendwie auch iconic.)

Auf dem Heimweg sitze ich wieder neben der Schülerin, die neugierig einer Pipaschale hintzerherschaut, die sie aus dem Fensterschlitz geschoben hat. Wieder kichert sie, als sie sieht wie die Schale vom Wind erfasst wird. Das zaubert mir doch glatt  ein weiteres Lächeln ins Gesicht.

Eine Stunde später warte ich mit meiner Mitfreiwilligen auf den Bus, denn heute geht es für uns auf zum Chimborazo. Während wir an der staubigen Straße warten, spielen Schüler von mir vor ihrem Haus. Ich bin wirklich erstaunt, wie sich die Geschwister selbst beschäftigen und fröhlich herumtollen. Eine Schülerin aus der dritten Klasse schmiegt sich eng an mich. Plötzlich eingehüllt von einer Staubwolke, klettern wir den Bus hinauf und auf geht die Fahrt. Es dauert nicht lange, da reckt ein neugieriges Mädchen vor uns den Kopf über die Lehne. Wir haben keine andere Wahl, den Rest der Busfahrt verbringen wir damit, unzählige Male von eins bis dreißig zu zählen.

An diesem Beispielsfreitag, während ich da so bis dreißig zählte, da wurde mir so sehr bewusst, wie ich doch nicht nur die Gesellschaft, Freude und Fantasie der Kinder genieße, sondern dass diese 3 Monate auch etwas ganz tief in mir ein klein wenig wieder wachgekitzelt haben:

mein eigenes inneres Kind.

 

 

Nachtrag: Ich spreche so oft von der Herrlichkeit der Lebensfreude der Kinder hier. Ich möchte damit keine Idylle zeichnen, die so nicht existiert. Die Schülerin aus dem Auto, sie besitzt diesen Bären nur, weil ihr Vater gestorben ist, und er ihn ihr überlassen hat. Ohne Familienvater haben es die Familien hier wirklich schwer, sich zu ernähren und zu leben.

Auch wenn die Spinnerei in unserem Kopf sehr lustig war, so wäre es doch wirklich etwas Besonderes, eine Torte in der Klasse zu teilen.

Und auch hinter dem Mädchen, das sich an mich schmiegt, steckt ein Mädchen auf der Suche nach Nähe.  Auf dem Vorbereitungsseminar wurden wir gebeten, doch bitte Schüler nicht auf den Schoß zu nehmen, und keinen Körperkontakt mit ihnen zu haben. Für mich hier in Guayama habe ich entschieden, das aber nicht so eng zu sehen. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, die Kinder suchen die Nähe und es tut ihnen gut. Viele Kinder haben sehr viele Geschwister, oft ist die Mutter sehr beschäftigt in der Landwirtschaft und wie ich es wahrnehme, bleibt da kaum Kontakt mit ihren Kindern. Warum sollte ich dann alle Kinder von mir schieben?

Allgemein sind die Hintergründe und Perspektiven der Kinder hier alles andere als geprägt von Leichtigkeit. Trotzdem oder vielleicht besonders deswegen kann ich nur staunen, wie gut die Kinder hier alles meistern und was sie alles in sich tragen und ausstrahlen.

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