Leute, ihr glaubt nicht, wie sehr man sich über ein Stück Papier freuen kann! Endlich ist es da, mein Visum, dass mich so viele Nerven, insgesamt fast 500 Euro und bestimmt über 25 Stunden gekostet hat. Um als Freiwillige*r nach Ecuador einzureisen, benötigt man eben genau dieses Dokument, wofür man wiederum zunächst einmal ein erweitertes Führungszeugnis besorgen und eine Eidesstattliche Erklärung abgeben muss. Zu beidem muss man eine Apostille beantragen und schlussendlich einmal das gesamte Paket professionell ins Spanische übersetzen lassen. Am Ende gilt es dann, die insgesamt über 75 Seiten in der exakt passenden Reihenfolge zusammenzufügen und zu komprimieren. (An alle zukünftigen Freiwilligen: Ich lege euch wirklich ans Herz, von Anfang an die Dokumente logisch beschriftet auf eurem Rechner zu speichern. Kreative Abkürzungen waren keine gute Idee.) Als ich das endlich hinter mir hatte, war ich schon ziemlich erleichtert. Doch Pustekuchen, genau an dem Tag wurde das Visumsverfahren auf eine digitale Version umgestellt und so ging der ganze Spaß von vorne los: Zum Glück diesmal mit Hilfe der anderen Freiwilligen, denn das war letzte Woche in der Jugendherberge. Nun kann ich also endlich diesen Punkt auf meiner To-do-Liste abhaken und mich verstärkt der elend langen Packliste und (allen, die meinen leeren Kleiderschrank kennen eh schon klar) ebenso elend langen Shoppingliste widmen.
Was mich ebenfalls seit Monaten schon beschäftigt, das sind die Spenden. Warum ich gebeten bin, die 3500 Euro zu sammeln, und wie ihr mich dabei unterstützen könnt, das erfahrt ihr alle unter dem Reiter „Spenden“. Nun, was man sich ja eh schon denken kann, irgendwann wurde mir bewusst, welch ein riesiger Berg an Geld das ist. Meine ersten Versuche, mich diesem Spendenziel zu nähern, scheiterten kläglich. Tagelang telefonierte ich mit den unterschiedlichsten Unternehmen, bei denen ich das Gefühl hatte, sie würden in irgendeiner Weise zum Projekt Guayama passen. Bestenfalls erhielt ich eine Absage, das aber auch nur in den wenigsten Fällen. Bald schon stellte sich für mich heraus, dass Menschen am ehesten bereit sind, zu spenden, wenn sie A) mich persönlich kennen oder zumindestens schon einmal gesehen haben und B) etwas dafür bekommen, also eine Gegenleistung. Das war die Geburtsstunde meines Zimtschneckenlieferdienstes. Eigentlich würde ich eher sagen Zimtschneckenprojektes, denn zeitweilig tauchte ich so in die Backwelt ab, dass ich das Gefühl hatte, Backen sei mein Freiwilligendienst und nicht erst die Vorbereitung dazu.
Nachdem ich einen kleinen Rückschlag hatte und Verluste mit dem Zimtschneckenverkauf auf Spendenbasis im Lehrerzimmer machte, hatte ich zeitweilig ziemlich Freude daran (Auch wenn es in der Abiphase an meiner Aufmerksamkeit und Kraft zehrte). Jeden Samstag stand ich in aller Frühe auf, machte mich ans Backen und fuhr dann die unter der Woche bestellten Zimtschnecken mit dem Fahrrad vor die Haustüren. Irgendwie landete ich dann am Markt, was noch schöner war, denn viele Menschen, die irgendeine Verbindung zu Lateinamerika hatten, sei es ein 2-Wöchiger Urlaub oder die Heimat, fühlten sich auch zu weltwärts und meinem Projekt verbunden. Daraus erstanden zahlreiche schöne Gespräche und Bekanntschaften. Mit Hilfe der anderen war ich in meinem Dorf schnell als die Zimtschnecken-Tonja bekannt, und aus 25 wurden erst 50, dann 75 und schließlich 100 Zimtschnecken. Das war der Punkt wo es ein wenig zur Qual wurde. Ich habe das Gefühl, die meisten denken gar nicht daran, was hinter einer Zimtschnecke steckt: Es fängt an mit dem Schleppen von Kisten, randvoll mit Zutaten. Dann musste ich den Teig in mehreren kleinen Portionen zubereiten, gehen lassen, formen, wieder gehen lassen, blechweise backen, transportieren, aufbauen, verkaufen und anschließend die mehlbestäubte, klebrige Küche durchputzen. Das Ganze mit zwei Blechen und keinesfalls Bäckereiequipment. 2 ganze Tage gingen da schon immer pro Ladung Zimtschnecken drauf.
Was ich damit sagen möchte, richtet sich besonders an Diejenigen, die überlegen, selbst weltwärts zu gehen: Unterschätzt echt nicht, wieviel Arbeit auf euch zukommt. Man denkt sich schnell so: Ja, dann nächstes Jahr ins Ausland. Es bleibt aber nicht bei diesen 12 Monaten, ihr müsst euch so viele Monate mehr damit auseinandersetzen. Auch den finanziellen Aspekt habe ich am Anfang unterschätzt: Ja, der Freiwilligendienst ist zwar zu 75 % gefördert. Doch ihr werdet so viele spezielle Dinge für das Jahr brauchen (auch abhängig von den klimatischen Bedingungen und eurem Kleiderschrank natürlich). Dazu gesellen sich Visumskosten (teuer!), die Kosten für die Visumsdokumente (teuer!), Anreise zum Seminar und Reisen im Land. Da lohnt es sich ohne Frage, davor ein wenig gearbeitet zu haben, denn auch schon so ist euer Konto ratzfatz leer(er). Vor allem aber solltet ihr echt überzeugt von dem Plan sein, oder zumindest offen dafür, dass diese Überzeugung kommen darf.
So, das wars zum Ernst des Lebens, diesmal ein ein wenig trockener Beitrag, aber hoffentlich hilfreich für einige zukünftige Weltwärtsler. Jetzt hab ich noch zwei Tage Zeit zum Packen und dann geht’s auch schon auf nach Quito. Falls ich es noch schaff berichte ich euch davon, ob ich die zwei Berge an Jahresausstattung, die sich neben mir auftürmen, in den Koffer bekommen habe (mein zukünftiges Ich sagt mir Nein) und dann wird’s hoffentlich ein wenig spannender hier auf dem Blog. Hasta pronto!


Kommentar hinzufügen
Kommentare