Ich hab nur Heimweh wenn ich Provinz höre

Veröffentlicht am 2. Oktober 2024 um 23:43

Ich hab nur Heimweh wenn ich Provinz höre. Manchmal auch ganz subtil wenn ich vergesse meine Lichterkette einzuschalten, wenn sich der Kleiderhaufen auf der kleinen Plastikkiste türmt, die als Schrankersatz dient, wenn ich mal wieder eine Nacht nicht geschlafen habe weil sich meine Füße zu einem Eiszapfen transformiert haben, oder wenn ich den Topf morgens, mittags oder abends öffne und mir Reis entgegengrinst.

Da ich meistens keine Zeit habe, Provinz zu hören, jeden morgen als erstes meine Lichterkette einschalte und ab und zu die teuren Spaghetti, dazu eine Tube Ketchup und Dosenthunfisch im ersten Dorfladen neben der Schule bei dem Mann, der nicht rechnen kann kaufe, deswegen kehrt das Heimweh aber nur sehr selten ein.

Die Armutsromantik, die ich, wie ich gestehen muss, davor schon manchmal gespürt habe, genauso wie die Abschätzung gegenüber Deutschland, sind allerdings verflogen.

Meistens bin ich sehr beschäftigt, zu unterrichten oder zu planen, um zu unterrichten. Mit diesem Vollzeitjob bin ich sehr glücklich, denn die Kinder sind einfach unschlagbar in ihrer Liebe und Fröhlichkeit. Viel zeichne ich per Hand oder verpacke ich in Spiele, denn zum einen tragen die in Relation sehr hohen Kopierkosten, die Lehrer selber, zum anderen ist eine Hoffnung da, dass etwas hängenbleibt beim Spielen. Momentan scheint das für mich am besten zu funktionieren, die Kinder sind nämlich nicht wirklich gewöhnt, selbstständig zu lernen.

Manchmal gibt es auch besondere Tage, wie zum Beispiel letztes Wochenende. Da haben wir die Schüler der Schulen, in denen wir arbeiten, beim Tanz-Umzug in Chugchilán begleitet. Dafür haben die älteren Klassen fleißig geübt. So hübsch in der traditionellen Kleidung, quetschte sich die Schar Kinder aufgeregt auf die Ladeflächen der Lehrer-Pickups und in aller Frühe kurvten wir uns hoch nach Chugchilán. Zu fröhlicher Musik wurde durch die Straßen getanzt. Spontan entschieden wir uns dazu, eine Nacht in dem Dorf zu übernachten. Dies war definitiv eine gute Entscheidung: Das Wochenende bescherte uns viele nette Bekanntschaften, gutes Essen, ein warmes Bett und Spaß auf der Fiesta abends.

Zurück wanderten wir durch die Schlucht, diesmal wissend die Extrem-Rute meidend.

Die Alpenlandschaft ist immer aufs neue atemberaubend, allerdings auch ausgetrocknet und gebranntmarkt von zahlreichen incendios. Damit hat gerade das ganze Land und besonders die Hauptstadt zu kämpfen. Zahlreiche Brände sind unkontrollierbar seit Monaten oder nur mit zu teuren Hubschraubern löschbar. Die Trockenheit ist auch der Grund für den täglichen Ausfall von Elektrizität. Ecuador bezieht seine Elektrizität aus Wasserkraftwerken. Durch die Wasserknappheit haben wir nur unregelmäßig und wenige Stunden am Tag Licht und WLAN.

Die Powerbank und Handytaschenlampe werden in diesen Momenten zu meinem besten Freund.  Abgesehen davon, dass wir so abends nicht mehr Netflix schauen sondern im Dunkeln warten bis es endlich neun Uhr ist, denn ab da darf man schlafen gehen, haben wir das Gefühl- abgesehen von solch wenigen Kleinigkeiten, trifft es viel schlimmer das Land, die Kühlketten, die Produktion, die Stadtbeleuchtung…. Manchmal höre ich, wie mein Gastvater um 4 Uhr morgens, wenn es kurz Strom gibt, für seine Klasse kopiert.

Somit war der regnerische Tag heute eine Freude!

 

So, bald wieder mehr, jetzt ist es nämlich endlich neun Uhr:)

Liebste Grüße an euch alle!

 

P.S. Falls ich euch noch nicht auf die zahlreichen Sprachnachrichten geantwortet habe, liegt das nicht daran, dass ich kein Bock hab, euch zu antworten, sondern bisher viel beschäftigt war. Antworten kommen!

 

P.P.S. Könnt ihr mal ein bisschen zu aktiveren Blogleser*innen werden? :) Wovon wollt ihr mehr, wovon weniger? 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Katharina
Vor 6 Monate

Hi, vielen Dank für die tollen Einblicke in deinen Alltag in Ecuador! Ich persönlich finde die Mischung aus Text und Fotos sehr gut getroffen!
Mich persönlich würde interessieren, wie genau du deine Abende bis 9 Uhr ;) verbringst und was für Spiele du für deinen Unterricht nutzt. Was haben die Kinder bis jetzt alles schon von dir gelernt?

Tonja
Vor 6 Monate

Danke fürs Feedback<3
Alles klar, kommt! (Abends kommentiere ich Kommentare)
Liebe Grüße

Sophie
Vor 6 Monate

Äußerst unterhaltsam! Mag die persönliche und witzige Art sehr. Bei dem grinsenden Reis musste ich direkt auch grinsen;) freu mich auf gaaanz viele weitere Blogs!

Tonja
Vor 6 Monate

Noahh<33
Allerdings würde dir das Grinsen direkt vergehen würde dir der Reis in real life entgegengrinsen!
Da fällt mir ein...Ich bin ja so doof...warum koche ich nicht eif unser Reismenü nach? Komm vorbei damit das nochmal lustig wird!

Mila
Vor 5 Monate

Hallo :) ich habe mir gerade endlich die Zeit genommen, deinem Blog Eintrag zu lesen…Danke dass du so ausführlich berichtest und uns an deinem Alltag teilhaben lässt. Es macht richtig viel Spaß dir „zuzuhören“ :))

Erstelle deine eigene Website mit Webador